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Wild, übersteuert, brilliant
von Sabine Weier in Schnitt , 28.08.2011
 
Wild, übersteuert, brilliant

Vor schwarzem Hintergrund flackern kleine Kuben auf, die an Bildschirme oder die Perforation eines Filmstreifens erinnern. Sie schieben sich über das Bild und geben in Ausschnitten den Blick auf eine schwarzweiße Vintage-Szene frei: Ein Voyeur schaut durch ein Schlüsselloch, eine Frau tanzt und dreht sich grazil. Das Spiel mit Leerstellen erinnert an die berühmte Duschszene in Hitchcocks Psycho. Begleitet von einem synthetischen Rauschen und einer flüsternden Frauenstimme poppen immer mehr Kuben auf, verschieben und überlagern sich und werden zum hypnotischen Bild-Ton-Strudel, der immer wilder wirbelt und schließlich in einer weißen Fläche kulminiert. Das Medium ist auf sein Wesentliches reduziert: Licht.

Exposed ist einer von 14 Experimentalfilmen aus der gleichnamigen Edition. Die unterschiedlichen Arbeiten des österreichischen Künstlers Siegfried A. Fruhauf sind zwischen 1998 und 2010 entstanden. Fruhauf eignet sich altes analoges Filmmaterial an, um es dann digital zu bearbeiten. In seinem Werk finden beide Ästhetiken und ihre extremen Pole ihren Platz und verschmelzen zu surrealistischen Projektionen. Entscheidend zur Wirkung der Filme tragen die elektronischen Kompositionen von Jürgen Gruber und anderen bei. Sie schaffen hypnotische Atmosphären und neosurrealistische Klangerlebnisse, wie man sie aus den Filmen David Lynchs kennt.

Fruhaufs Experimentalfilme verzichten weitgehend auf narrative Strukturen. Er löst das Raumempfinden durch Überlagerungen und Spiegelungen auf oder reduziert den Raum auf minimalistisch-abstrakte Motive, etwa ein blinkendes weißes Quadrat oder einen grünen leuchtenden Kreis, der sich langsam über den Bildschirm bewegt und den erst vorbeiziehende Wolken als Sonne entlarven. Das durch die digitale Bearbeitung entfremdete Vintage-Filmmaterial mutet wie Erinnerungsbilder an, die ebenfalls manipuliert und nur in Ausschnitten gespeichert sind und losgelöst von dem Raum erscheinen, in dem man sie wahrgenommen hat.

Mangels Raumempfinden klammert sich der Betrachter an den Rhythmus der Montage und erliegt umso stärker der Irritation, die sich durch abrupte Wiederholungen, Steigerung des Tempos durch immer kürzere Einstellungen und bis zum Delirium stilisierte Tonsequenzen einschleicht. Ein reiner Bild-Ton-Rausch über sechs Minuten ist Palmes d’Or. Fruhauf hat dafür über 800 beim Filmfestival in Cannes aufgenommene Fotographien in einer Art Turbo-Stop-Motion-Film verdichtet, in dem nur noch hier und da schemenhaft Palmen und Menschen aufblitzen, um sich der Wahrnehmung sofort wieder zu entziehen.

Fruhaufs Experimente enthalten eine selbstreferentielle Ebene. Dazu gehören im Bild auftauchende Filmstreifen, Kratzer im Material, grobkörnige Videoaufnahmen, komplexe Auseinandersetzungen mit den technischen Möglichkeiten des Mediums selbst oder auch ganz direkte Referenzen. Die früheste Arbeit La Sortie zitiert mit »Arbeiter verlassen die Lumière-Werke« von 1895 den ersten Film, der je vor einem zahlenden Publikum projiziert wurde. In Fruhaufs Version durchqueren Männer in einer vektorisierten, fast comicartigen Schwarzweißaufnahme den Gang einer Fabrik, eine weitere Gruppe kreuzt ihren Weg. An Maschinen erinnernder Lärm wird zum unerträglichen Pochen. Wie Hamster in einem Rad drehen die Männer ihre Runden in einer Endlosschleife, in die Fruhauf die Monotonie des Arbeiteralltags übersetzt. Auch dieser Film steigert das Tempo der Bild- und Tonspur, bis man fürchtet, die heimischen Boxen könnten bersten.

In seinem Heimatland Österreich ist Fruhauf längst kein Unbekannter mehr. Schon kurz nach Ende seines Studiums der Experimentellen Visuellen Gestaltung in Linz erhielt er 2002 den Förderpreis für Filmkunst des Bundeskanzleramtes. Zu seinen Lehrern gehörten Peter Tscherkassky und Martin Arnold, Protagonisten der österreichischen Film-Avantgarde, die Fruhaufs Filme augenscheinlich beeinflußt haben. Das Werk des jungen Österreichers findet aber auch international Beachtung: Seine Filme waren schon bei den großen Filmfestivals in Cannes und Venedig zu sehen. Aber auch in Galerieräumen werden Fruhaufs Werke projiziert. Sein Metier ist das Experimentelle fernab des Geschichten-Erzählens. Der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« verriet er: »Auch wenn sehr viel Information in diesen großen Kino-Erzählungen steckt, ist alles vordefiniert und erklärt. Mein Vergnügen liegt aber genau in jenen Welten, die sich hinter diesen Erklärungen auftun. Mein Arbeitsmaterial besteht in erster Linie aus Licht und Zeit, beides Phänomene, die sehr flüchtige Qualitäten aufweisen.«

Sabine Weier
 
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