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AVANTGARDE FÜR ALLE
von Naoko Kaltschmidt in Art Magazine , 22.03.2007
 
Avantgarde für alle

Als schlichtweg notwendig muss diese Unternehmung bezeichnet werden. Denn immerhin: Die "Tradition der heimischen Filmavantgarde wird nahezu einstimmig als relevantester Beitrag Österreichs zu einer internationalen Geschichte des Films anerkannt", so ist in einem Standardwerk zu diesen Thema zu lesen. Seit 2004 wird in Kooperation von der Medienwerkstatt Wien und dem renommierten Filmverleih und -vertrieb sixpackfilm eine Anthologie zu Film, Video und Medienkunst mit Fokus auf nationale Positionen erstellt. Ziel sei es, kaum bis schwer zugängliches Material verfügbar zu machen: Essentielle Arbeiten von Kurt Kren, Gustav Deutsch, Valie Export u.a. wurden bereits veröffentlicht, nun liegen weitere zwölf Ausgaben vor, die den vorangegangenen um nichts nachstehen.

In erster Linie wurden Werke (vorwiegend Kurzfilme) einzelner KünstlerInnen ediert, so finden sich diesmal neben den bereits erwähnten auch Peter Weibel, Martin Arnold oder etwa Linda Christanell. In den Arbeiten von Christanell spielt das Biografische, und zwar wesentlich aus der Sicht der Frau, eine wichtige Rolle. Der weibliche Körper hingegen kommt in der Kompilation "As she likes it - Female Performance Art from Austria" zur Aufführung: Neben einem Animationsvideo von und mit Maria Lassnig werden hier vor allem Arbeiten jüngerer Künstlerinnen vorgestellt. Besonders fasziniert Mara Mattuschkas Beitrag "Legal Errorist", für den sie überraschenderweise nur den Schnitt übernahm, die eigentliche Protagonistin aber ist die kanadische Tänzerin Stephanie Cumming, die mit der beeindruckenden Choreografie von Chris Haring eine wie fremdgesteuert wirkende und dabei doch so präzise wie charmante Darbietung liefert. Unaufgeregter, gleichsam dokumentarisch ist dafür die Poesie bei Michael Pilz; in seinen Filmen offenbart sich das Schöne am Einfachen, sei es in den unmittelbaren Begegnungen in einem New Yorker Taxi oder in einer einzigen, unbewegten Einstellung, die in der reduzierten Rahmung die leisen Nuancen einer spätsommerlichen Abenddämmerung einzufangen vermag.

Neben den durchaus eigenwilligen Jahresnotizen des Deutschen Jan Peters fand erfreulicherweise auch Józef Robakowskis "The Energy Manifesto!" Eingang in diese eigentlich ja österreichisch geprägte Edition; der aus Polen stammende Medienkünstler versammelt hier stark formalistische Experimente wie ebenso spielerisch-subersive Ansätze, etwa aktionistische Miniaturen oder ironische Dokumentationen ("From My Window 1978-2000"). Weniger heiter gibt sich dafür Dietmar Brehm, dessen düstere Serie "Schwarzer Garten" sich angeblich der Lektüre altrömischer Literatur verdankt: Zwischen mitunter radikalen Stilisierungen, befremdlich pornografischen Momenten oder auch wissenschaftlich obsessiv-insistierenden Nahaufnahmen oszillieren diese hypnotischen `pumping screens`, wie der Filmemacher seine Bildwerke selbst beschreibt. Die filigrane "Sinnlichkeit des Filmmaterials, das Fetischhafte des Zelluloids", wie in einem der (den inhaltlich wie grafisch anspruchsvoll gestalteten Beiheften entnommenen) Texte geschwärmt wird, kann natürlich nicht annähernd in der digitalen Übersetzung bestehen bleiben. Daher sollte dieses - schon rein aus archivarischen wie auch aus distributions- und studientechnischen Gründen - so wichtige DVD-Format trotzdem nicht die einzigartige Kinoerfahrung ersetzen.
 
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